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Oktober / November 2019

AUS DEM VOLLEN SCHÖPFEN

„Wie es dir möglich ist: Aus dem Vollen schöpfend – gib davon Almosen! Wenn dir wenig möglich ist, fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben!“

Der Monatsspruch für den Monat Oktober nimmt uns hinein in die Schriften der Apokryphen. Diese „Schriften zwischen den Testamenten“ bilden eine Verbindung zwischen der hebräischen Bibel Israels und dem Neuen Testament. Sie vermitteln einen Einblick in die geistige und religiöse Lage des Judentums vor den Ereignissen, die uns die Evangelien schildern. Eines dieser Bücher ist das Buch Tobit. Es sind diese Worte aus dem Monatsspruch, die der alte Tobit an seinen Sohn Tobias richtet:


© Tobias und der Erzengel Raphael,
Gemälde von Filippino Lippi, erstellt etwa 1472-1482,
National Gallery of Art, Wikipedia

Der alte Tobit merkt, wie seine Kräfte schwächer werden und er spürt, dass ihm nicht mehr viel Zeit zum Leben bleiben wird. In dieser Situation hat er das Bedürfnis, seinen Sohn Tobias zu sich zu rufen. Er möchte seine Erfahrungen an die nächste Generation weitergeben und erzählt davon, was ihm in seinem Leben wichtig war, was ihn geprägt hat und wovon er sich auf seinem Lebensweg hat leiten lassen.

Ich erinnere mich gut an meinen Opa Johann mit seinen „ÜberlebensGeschichten“ aus dem Krieg, die sehr häufig Tischgespräch waren. Seine Strategie bestand zu einem guten Teil darin, ein möglichst großes Netzwerk aufzubauen. Seine Devise lautete: Teile (auch das Wenige), was du hast und alles wird dir doppelt gut gelingen! Und meine Oma Klara erzählte uns von der Not und von dem Hunger, der besonders in der Nachkriegszeit für die Stadtbewohner groß war. Ähnlich klangen die Erzählungen meiner Verwandten aus Berlin. Besonders spannend fanden wir Kinder die Geschichten über die Zeit der Berlin-Blockade mit der Luftbrücke, vom Kohlenklau, der Abholzung des Tiergartens und dem Überlebenskampf und Alltagsleben in einer geteilten Stadt.

Als Tobias zu seinem Vater gerufen wird, erhält er konkrete Weisungen: Regeln, an die sich Tobias halten soll, wenn es der gesamten Familie in Zukunft gut gehen soll! Tobias wird in die Pflicht genommen, Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur für sich selbst und seine eigene Lebensgestaltung, sondern darüber hinaus auch für das Wohl der gesamten Familie.

Stellen Sie sich solch eine Szenerie in der heutigen Zeit vor. Die nächste Generation wird in die Pflicht genommen. Verbunden mit einer Fülle von Richtlinien, Regeln und Anweisungen, die nicht nur das Wohl des Einzelnen im Blick haben. Der alte Tobit fordert im Grunde die Beachtung der 10 Gebote: Achte deine Eltern und fördere den Zusammenhalt in den Familien. Bewahre die Traditionen, sei gerecht und führe dein Leben gottesfürchtig. Vor allem aber teile von dem, was du hast und sei nicht neidisch auf deinen Nachbarn.

In der Bibel lesen wir: „Gib auch, wenn du wenig hast. Geben macht reich und selig zugleich. Hab keine Angst. Gott wird das Seine hinzufügen.“
Und was können wir teilen? Wo können wir aus dem Vollen schöpfen? Wie gut geht es uns eigentlich zwischen Menschen, die in Abfallbehältern Leergut suchen und anderen, die unentwegt kaufen?

Mir kommen althergebrachte Traditionen in den Sinn: Einen Platz für den unerwarteten, ungebetenen Gast am Tisch frei lassen. Einen Teil des Feldes nicht abernten, damit es für die Besitzlosen auch eine Ernte geben kann. Doch wo werden diese Traditionen noch gelebt? Und im Größeren? Sollte sich unsere Gesellschaft nicht messen lassen an dem Wohl des schwächsten Gliedes in der Gemeinschaft? Wie steht es um unsere sozialen Netze, um unsere Solidarität?

In der Lutherbibel heißt es auch: „Und dein Auge blicke nicht neidisch, wenn du Almosen gibst.“ In den Medien lesen wir ganz aktuelle Berichte über eine sogenannte Neiddebatte. Dort werden Ängste beschrieben: Wer nimmt mir etwas weg? Wer bekommt mehr als ich? Oder mehr als ihm vermeintlich zusteht?

Zurück zum alten Tobit. Sein Sohn Tobias hört ihm aufmerksam zu und verspricht dem Vater am Ende, alles so zu tun. Er ist bereit, die Last der Verantwortung für die Familie zu tragen. Der alte Tobit verspricht seinem Sohn „Startkapital“ in Form von Silber, welches er vor langer Zeit bei seinem Freund Gabael in Medien hinterlegt hatte. Und so macht sich Tobias in Begleitung des unerkannten Engels Rafael auf den Weg.

Es ist schön zu lesen, dass Tobias nicht alleine auf die Reise gehen muss. Ein Engel begleitet und beschützt ihn. Bestimmt wurden auch wir auf unseren Lebenswegen schon unbemerkt von einem Engel begleitet. Es ist schön, jemanden an seiner Seite zu haben. Die Familie, gute Freunde und natürlich Gott selbst. Bis zu unserem Alter hin. In dieser Gewissheit sind wir alle reich und können wirklich „aus dem Vollen schöpfen“.

Es grüßt Sie herzlich Ihre
Susanne Schmitt aus der Seniorenarbeit