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Oktober / November 2014

Liebe Gemeinde,

es ist Oktober und in diesem Jahr erwartet uns ein besonders spannender Herbst. Wir erinnern uns an die bewegende Zeit der friedlichen Revolution vor 25 Jahren. »Wir sind ein Volk und die Mauer ist weg«. Dafür sind wir dankbar.

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»Hier haben die an Kraft Erschöpften Ruhe«
Gedenkstätte Karnickelberg, Bautzen

In der Bibel lesen wir von den Worten der Propheten. Der hebräische Ausdruck nabi bezeichnet einen Menschen, der »etwas kundtut, ausruft, bekanntmacht« und zwar über etwas, dass er nicht von sich selbst weiß. Er ist also eher als eine Art Herold zu verstehen, der von Gott den Auftrag erhalten hat, dessen Botschaft weiterzugeben. Die Propheten hatten den Auftrag, das Volk zu erinnern: An die Berufung Gottes Volk zu sein, welches nach seinen Weisungen lebt.

Der Glaube sollte sich auch im persönlichen Leben der Menschen zeigen und nicht nur im Tempel zelebriert werden. Einer der großen Propheten war Jesaja. Er wirkte in Jerusalem, der Hauptstadt des Reiches Juda, zwischen 736 und 701 v. Chr. In dieser Zeit erweiterte das Assyrische Reich seinen Machtbereich bedrohlich und auch Juda war von dieser Expansionspolitik betroffen. Durch eine anti-assyrische Bündnispolitik mit den Philistern und Ägyptern versuchte sich Juda der assyrischen Vorherrschaft zu entziehen. Der Prophet Jesaja aber stellte sich dagegen und verkündete ein uneingeschränktes Nein Gottes. Sein Volk sollte im Vertrauen auf Gottes Zusagen stillhalten und ihn handeln lassen.

Können wir uns vorstellen, welche Reaktionen Jesaja mit seinen Prophezeiungen damals wohl ausgelöst haben musste? Stellte er sich mit seiner Aufforderung zum Stillhalten nicht auch gegen jede Vernunft?

In heutiger Zeit hören wir immer wieder die lauten Rufe nach schnellem Handeln. Doch wie verantwortungsvoll verhalten wir uns, wenn wir etwas tun? Sind wir überhaupt in der Lage, die Folgen unseres Handelns zu überblicken? Und macht nur derjenige Fehler, der etwas tut, oder kann ein Nichthandeln, ein Unterlassen, also ein »still bleiben« und abwarten nicht auch verantwortungslos sein?

Wahrscheinlich bleiben wir Zeit unseres Lebens auf der Suche nach den Antworten auf diese Fragen. Und vielleicht ist gerade diese Suche der Auftrag an uns.

Jesaja fragt nach unserem Gottvertrauen und fordert uns zur Erinnerung auf. Hier kommen mir Stichworte wie Erinnerungskultur, Aufarbeitung und Gedenkkultur in den Sinn.

Alle diese Bereiche wenden sich gegen das Vergessen und spielen in der Seniorenarbeit eine wichtige Rolle. Je älter wir werden, desto lebendiger erinnern wir uns an die Vergangenheit; an unsere Kindheit und Jungendzeit. Da sind Erinnerungen an die Kriegs – und Nachkriegszeit, eine Zeit voller Hunger, Angst, Leid und Vertreibung, die mit unserem Lebenslauf verbunden sind.

Doch es gibt auch Stimmen die müde sind und das Erinnern an Geschehnisse vor so langer Zeit kritisch hinterfragen. Ist es nicht irgendwann genug? Wann sollte das Buch zugeschlagen werden?

Mir ist das schmerzhafte, aber wichtige Erinnern auf unserem letzten Busausflug nach Bautzen Ende August noch deutlich vor Augen. In den beiden Gefängnissen der Stadt hatten die Gefangenen großes Leid und Unrecht in der Zeit des Nationalsozialismus, während der sowjetischen Besatzungszeit und vor allem auch unter dem menschenverachtenden Regime der Staatssicherheit der ehemaligen DDR zu ertragen. Das Foto auf dem Titelblatt zeigt den zentralen Gedenkort auf dem Karnickelberg, dem Begräbnisplatz der verstorbenen Häftlinge beider Gefängnisse. Ein würdevoller Ort der Erinnerung und ein Mahnmal gegen das Vergessen. »Hier haben die an Kraft Erschöpften Ruhe«. Diese Worte stehen auf einer Mauer geschrieben, die mit einer kleinen Bank zum Innehalten einlädt. Einen Moment ausruhen und den Gedanken freien Lauf lassen. Erinnern Sie sich! Das wünsche ich Ihnen in diesem Herbst.

Mit herzlichen Grüßen und im Namen aller Mitarbeiter,

Ihre Susanne Schmitt, Seniorenarbeit