Und ich sah die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
Offenbarung 21,2

Was für eine phantastische Vision, die uns mit dem Monatsspruch im November vorgestellt wird. Was für eine Verheißung, auf die wir schauen, die da auf uns zukommt! Eine himmlische, eine heilige Stadt, die uns erwartet und sich herausputzt, will uns willkommen heißen. Und mit ihr kommt Gott selbst vom Himmel herab und wir dürfen die Herrlichkeit Gottes schauen.

In paradisum deducant te angeli: in tuo adventu suscipiant te martyres,
et perducant te in civitatem sanctam ierusalem.
Ins Paradies mögen dich Engel geleiten: bei deiner Ankunft sollen dich die Märtyrer empfangen
und dich in die Heilige Stadt Jerusalem führen.

Ein apokalyptisches Szenario wird uns im Buch der Offenbarung des Johannes vorgestellt. Ganz am Ende der Bibel schließt sich der Kreis von Schöpfung, Versöhnung und Vollendung. Diese Trinität offenbart sich in der Vision auf ein himmlisches Jerusalem. Doch der Weg dorthin ist kein leichter. Er wird als eine Zeit der Bitterkeit beschrieben, als ein Ringen mit dem Bösen. Als eine Zeit, an deren Ende das Ende aller Dinge steht, als eine Zeit, in der der alte Himmel und die alte Erde vergangen sind - das letzte Gericht durchlitten ist. Im neuen Jerusalem wird alles Irdische überwunden sein. Alles Materielle wird zurückgelassen. Eine neue Zeit wird sein – die Karten werden neu gemischt und alle Chancen und Möglichkeiten werden neu verteilt sein.

In der Offenbarung lesen wir auch eine Beschreibung der Stadt. Das himmlische Jerusalem soll von gleißendem Licht erstrahlen, aus glasartigem Gold und von würfelförmiger Gestalt sein. Auf jeder der vier Seiten existieren jeweils drei Stadttore innerhalb der Stadtmauer, auf denen wiederum insgesamt zwölf Engel stehen. Zusätzlich sollen auf den Toren selbst die Namen der zwölf Stämme Israels vermerkt sein. Tore und Mauern sind mit Juwelen und Edelsteinen geschmückt.

Die Größe der Stadt wird mit einer Seitenlänge von 12.000 Stadien beschrieben und ihre Gebäude sollen auch 12.000 Stadien hoch sein. Rechnet man ein Stadion mit 185 m, ergibt sich eine Kantenlänge von 2.220 Kilometern. Ob diese Zahlen wörtlich zu nehmen sind, ist umstritten. Manche vertreten die Ansicht, dass aufgrund der in der Bibel häufig anzutreffenden Zahlensymbolik eher von einer den Zahlenangaben innewohnenden inneren Botschaft auszugehen sei. In dieser Zahlensymbolik steht die Zahl Drei für eine sehr große Gewissheit, die Zahl Vier für die vier Himmelsrichtungen und damit die gesamte Erde und die Zahl Zwölf für die zwölf Stämme und damit das ganze Volk Israel. Die Zahl Zwölf hat auch eine mathematische Bedeutung, die wir noch heute vom Dutzend oder den zwölf Stunden her kennen.

Bitte schauen Sie sich einmal das Titelbild auf unserem Johannesadler an. Es zeigt eine Miniatur aus den Beatus- Handschriften, dem sog. Facundus-Beatus. Deutlich erkennt man den Engel, der das neue Jerusalem mit einem Stab oder Schilfrohr ausmisst. Außerdem zu erkennen: Das Lamm Gottes und je ein Satz von zwölf Figuren, Toren und Edelsteinen. Die Beatus-Handschriften stammen aus Nordspanien und wurden im 10. und 11. Jahrhundert angefertigt. Häufig sind sie prachtvoll illustriert und mit zahlreichen farbenprächtigen Miniaturen versehen. Die Beatus- Handschriften zählen zu den bedeutendsten Meisterwerken der spanischen Buchmalerei.

Doch nicht goldene Häuser und silberne Straßen werden in Gottes neuer Welt beschrieben. Es sind Menschen, die vom Heiligen Geist mit herrlichen Gaben geschmückt und herausgeputzt wie Brautleute erscheinen: Wir selbst werden Braut und Bräutigam sein; wir selbst werden das neue Jerusalem sein; wir selbst werden Gottes neue Welt bevölkern und dort ewig leben - in Gemeinschaft mit Gott!

In unserem Gesangbuch findet sich ein geistliches Lied, das vom himmlischen Jerusalem und vom Eingang der Seele in die Herrlichkeit erzählt: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“. Den Text schrieb Johann Matthäus Meyfart im Jahr 1626. Meyfart war ein lutherischer Pfarrer und Theologieprofessor und er beschreibt hier ein wahres Sehnsuchtsmotiv: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt, wollt Gott, ich wär in dir! Mein sehnend Herz so groß Verlangen hat und ist nicht mehr bei mir. Weit über Berg und Tale, weit über Flur und Feld schwingt es sich über alle und eilt aus dieser Welt.“ Und in den weiteren Strophen heißt es: „Die Seele geb von mir in Gottes treue Hände - tu auf der Gnaden Pfort - mir Gott hat gegeben das Erb der Ewigkeit - was in der Welt an Auserwählten war, seh ich: sie sind die Kron - in Ehren schweben, in Freiheit überall - im schönen Paradeis, von höchster Freud erfüllet wird der Sinn, der Mund von Lob und Preis - Halleluja, Hosianna, Jubelklang - es wird keine Mühsal mehr geben!“ Was für eine Vision.

Das himmlische Jerusalem wird als wichtigstes eschatologisches (altgriechisch: die letzten Dinge betreffend) Symbol verstanden, in welchem die Lehre vom Anbruch einer neuen Welt entfaltet wird. Der Apostel Paulus beschreibt es so: Gegenwärtiges Leiden kann ertragen werden in der Gewissheit, dass Gott die Lebenden von den Toten erwecken wird.

Auch der Evangelist Johannes betont in seinen Betrachtungen eine Gegenwart, in der die Zukunft schon wirkmächtig ist und tätig wird: „Der Glaube hebt die Zeit nicht auf, sondern gibt ihr eine neue Qualität und Ausrichtung.“ In der Zukunft wird offenbar, was bereits in der Gegenwart angekündigt und entschieden ist: Die Auferstehung von den Toten.

Schon in unserer Taufe werden wir darauf vorbereitet. Gott möchte uns an jedem Tag begleiten, mitten unter uns sein, uns beschützen und helfen, für uns sorgen. Gott ist mit uns, so wie es das hebräische Wort „Immanuel“ verheißt.

Ein neues Jerusalem. Ein herrliches Ziel, eine lebendige – eine heilige und ewige Stadt. Wie sie genau aussehen wird, diese himmlische Stadt, erfahren wir nicht. Dafür gibt es in unserer alten Welt keine passenden Worte und Vergleiche. Doch es wird uns gesagt, was es im himmlischen Jerusalem nicht mehr gibt: Tränen, Tod, Leid, Schmerz, Schuld und Zweifel.

Doch inwieweit kann uns eine solche Vision als Orientierungshilfe im Lebensalltag dienlich sein? Wird hier nicht ein Spannungsverhältnis zwischen der Glaubensgewissheit auf der einen und der Welterfahrung des Einzelnen auf der anderen Seite beschrieben? Wie steht es um unser persönliches Gottvertrauen? Vielleicht fällt es schwer loszulassen – sich auf etwas zu verlassen, die Kontrolle abzugeben.

Gottes Botschaft durch Johannes an uns lautet: Alles Böse der alten Welt wird es in der neuen Welt nicht geben. Mit dieser phantastischen Aussicht auf ein herrliches Ziel befinden wir uns nun auf unserer Lebensreise. Und unterwegs können wir „unseren Durst von der Quelle des lebendigen Wassers stillen“, das meint, uns durch unseren Glauben stärken. Ganz umsonst. Wir können uns Gottes Gegenwart gewiss sein. Und alle, die zu seinem Volk gehören, bleiben am Ziel in ewiger Gemeinschaft bei ihm. Denn Gott spricht: „Wer überwindet, der wird alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.“

Es grüßt Sie im Namen der Mitarbeiter
Ihre Susanne Schmitt von der Seniorenarbeit.


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